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Leseprobe
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Einleitung
Zur Selbstverständigung über Kämpfe und Wünsche
Auf einer Veranstaltung des Sozialforum 2005 in Deutschland stellten sich Podiumsteilnehmer und Engagierte aus Gewerkschaften, globalisierungskritischen Organisationen, der politischen Linken und der Friedensbewegung die brennende Frage: Wie weiter?. In der Diskussion über die nächsten Schritte wurde unüberhörbar vernehmlich, dass der Leitgedanke Eine andere Welt ist möglich den Herausforderungen der gesellschaftlich-geschichtlichen Situation nicht mehr voll entspricht und konkretere Vorstellungen von einer möglichen gesellschaftlichen Alternative entwickelt werden müssen, um in zukünftigen politischen Auseinandersetzungen vertrauenswürdig und erfolgreich zu orientieren. In der Tat werden die Opponenten der neoliberalen Globalisierung in diesem Sinne zunehmend herausgefordert: Eine anspruchsvollere Positionierung in der politischen Arena, die weitergehende Auseinandersetzung über die zukünftige politisch-ökonomische Verfassung von Europa und fortschreitende Eskalationen im globalen Raum drängen weiter zu programmatischen Konkretisierungen.1
Tatsächlich weisen tagtägliche Ereignisse auf eine Wendecharakter der Zeit hin und es verstärkt sich der Eindruck, bereits mitten im Aktzusammenhang einer neuen geschichtlichen Periode zu stehen. Um im Drängen nach vorn eine annähernd realistische Vorstellung hinsichtlich gesellschaftlich-geschichtlicher Fristenregelungen zu bewahren, mag allerdings an eine Einschätzung des Weltsystemtheoretikers2 erinnert werden, der nach seiner drastischen Lagebeschreibung Glücklicherweise steht das System vor dem Abgang. Die Frage ist, was kommt danach? auf eine Übergangs- und Re-Formierungs-Zeitspanne von etwa 50 Jahren verweist.
Aus solcher, vielfach begründbarer Sicht erscheint es konsequent, wenn im Stimmengewirr der Sozial- und Kapitalismuskritik, von Memoranden und Alternativvorschlägen, Zukunftsvisionen und Forderungen nach einem Politikwechsel verstärkt der Ruf nach konkreteren Perspektiven einer gesellschaftlichen Umgestaltung oder auch nach wirklich neuen globalen Lösungen laut wird. Aber die erwachten gesellschaftlichen Bewegungskräfte sind, während ihre Gegenspieler gar eine Endlösung der Systemfrage anstreben, damit konfrontiert, dass ihnen weder aus den blauen Bänden noch aus den Theorieentwürfen und Gesellschaftsexperimenten des zurückliegenden 20. Jahrhunderts ein tragfähiges Konzept für eine neue Wirtschafts- und Gesellschaftsverfassung zugewachsen ist. Diese fundamentale Schwäche3 ist nicht nur den aktuellen politischen Mobilisierungen immanent, sondern macht sich auch implizit in den anhaltenden Versuchen geltend, das moderne kapitalistische Weltsystem mit Hilfe traditioneller Kategorien der Kritik der politischen Ökonomie oder vermittels einer aktualisierten Imperialismustheorie zu verstehen: Gesetzt man stünde theoretisch fundiert auf Augenhöhe mit dem Hegemon, so wäre man damit aber noch keinen wesentlichen Schritt über sein Empire hinaus - und darauf kommt es dringlich und letztlich an.4
Die vorliegende Publikation stellt sich, mit Blick auf die umrissene Problemlage, in bestimmter Hinsicht quer zum Mainstream eher negatorischer Verlustklagen, appellativer Kontrastprogramme und einer traditionellen Systemkritik, welche die politischen Kräfte mehr oder weniger nur im Sinne einer re-aktiven Protestbewegung anleiten können und so auch dazu beitragen, dass auf der anderen Seite eine geschichtlich bereits durchdeklinierte und aller Voraussicht nach zu keiner grundlegenden Problemlösung führende retro-reformistische Programmatik neu aufgelegt wird. Politische Philosophie, die der geschichtlichen Situation wahrhaft entsprechen will, kann ihren sozialen Auftrag auch nicht einfach an die Generaladresse einer Bewegung oder gar an eine einzelne politische Formierung weitergeben. Ihre Aufgabe besteht heute darin, gesellschaftliche Wirklichkeit ebenso materialistisch wie utopistisch5 aufzuschließen, die realen Potentiale und Formelemente einer neuen sozial-ökonomischen Grundverfassung zu identifizieren, mentale und praktische Bruchlinien gegenüber der alten Welt zu vertiefen und, soweit als möglich, den schwierigen, aber vielleicht noch nicht ungangbar gemachten Weg einer formationellen Transformation der gesellschaftlichen Praxis6 aufzuweisen.
So verstanden liegt aber eine erstrangige, unhintergehbare Implikation aller Orientierungsversuche in der zugrunde liegenden Wirklichkeitskonzeption, also in einer höher reflektierten Auffassung von gesellschaftlicher Wirklichkeit und dem eigenen darin involvierten Erkenntnisvermögen, nicht zuletzt bezüglich dessen Grenzen. Wenn die Beschäftigung mit den entsprechenden, vermeintlich trockenen und abstrakten Fragen der Dialektik, des Materialismus, der Utopie und überhaupt mit den Konstitutions-Aspekten des gesellschaftlichen, geschichtlichen Praxisprozesses bei vielen der heute Bewegten und Mitbewegenden gerade keine Konjunktur hat, so ist dem entgegenzuhalten: Es gibt kein bedeutendes Werkstück der gesellschaftlichen Analyse, der Kritik und der Hoffnung und auch kein dialektisch qualifiziertes Verständnis desselben ohne entsprechende Voraussetzungen. Studieren bedeutet hier Aneignung einer entscheidend erweiterten Wirklichkeitsauffassung - das Gegenteil der den Adepten der affirmativen Wirtschafts- und Sozialwissenschaften zugemuteten Indoktrination. Es geht bei den grundlagentheoretischen Fragen darum, auf dem Feld gesellschaftlich produzierter, widerstreitender Realitätsperspektiven die intellektuelle Basis einer entschiedenen Opposition, deren Analyse- und Konzeptualisierungsfähigkeiten zu stärken.
Die vorliegende Textsammlung zielt daher im ersten Hauptteil auf eine nachdrückliche Aktivierung philosophisch-wissenschaftlicher Denkgrundlagen. Auf dem teils verödeten, teils überwucherten, ansonsten vielfach strittigen und schwer überschaubaren Feld der Marxismusdiskussion wird eine entschiedene und begründete Positionsmarkierung im Sinne der Philosophie und Wissenschaft gesellschaftlicher Praxis vorgenommen.7
Der einleitende Artikel Der Bogen Feuerbach, Marx, Bloch, Bourdieu: Realismus und Modernität des Praxisdenkens von Horst Müller hebt ausgewählte Stationen und Entwicklungslinien eines Praxisdenkens hervor, dessen Ursprung im definitiven Novum des Marxschen Ansatzes liegt, das aus dem Fundus der reichhaltigen europäischen Denkströmung eines philosophisch reflektierten Praxisdenkens schöpfen kann und etwa auch den Kern von Pierre Bourdieus Schaffen und Wirken ausmacht. Mit diesem Ansatz soll über Partikularisierungen und Engführungen8 der Praxis-Diskussion hinausgegangen, sollen wortspielerische Verunklarungs- oder Vereinnahmungsversuche zurückgewiesen, soll diese Diskussion neu inspiriert und darauf hingewirkt werden, das Praxis-Konzept als in der philosophischen Reflexionsdimension verankertes, leistungsfähiges und streitbares Paradigma emanzipierter Gesellschaftswissenschaftlichkeit konkreter zu machen. Mit Seitenblick auch auf eine Kritische Theorie samt deren Nachblüten und auf einen eher orthodoxen Dialektischen Materialismus wird der Richtungssinn dieser Bemühungen meinerseits durch den Titel Konkrete Praxisphilosophie pointiert.9
Zur Erhellung der praxistheoretischen Angelegenheiten selbst, nicht zuletzt auch für eine neue interessierte Generation, der kaum noch ein entsprechend qualifiziertes Studienangebot gemacht wird, werden in den folgenden Beiträgen von Wolfdietrich Schmied-Kowarzik und Martina Thom entsprechend zentrierte und tiefenscharfe Untersuchungen vorgestellt. Damit sollen zugleich die theoretischen Ressourcen aus zwei bedeutenden, west-östlichen Diskussionszusammenhängen des Praxisdenkens wieder in den Blick kommen:
Im Beitrag Die Kernstruktur der Dialektik der gesellschaftlichen Praxis von Wolfdietrich Schmied-Kowarzik werden gesellschaftliche Arbeit, gesellschaftliche Produktion und gesellschaftliche Praxis als Ausgangspunkt einer umfassenden Theorie der menschlichen Gesellschaft und Geschichte bestimmt. In deren Mitte steht die Erkenntnis der selbst erzeugten Entfremdungen unserer Lebensform, aus der die unhintergehbare, ultimale Orientierung erwächst, die bestehende verkehrte Grundsituation in einem menschgeschichtlichen Akt aufzuheben. Mit Bezugnahme auf philosophische Quellen, vor allem Hegel, auch in Auseinandersetzung mit Habermas, werden die Gedanken von Karl Marx erläutert und die Wesenszüge einer kritischen Philosophie gesellschaftlicher Praxis deutlich gemacht. Schmied-Kowarziks Beitrag soll zugleich an zurückliegende Kongresse, Publikationen, Forschungen und Diskurse erinnern, deren Fokus der Titel jener Kasseler Tagung Grundlinien und Perspektiven einer Philosophie der Praxis treffend bezeichnet.10
Während sich das Praxisdenken im Westen als beachtliche europäische Denkströmung artikulieren konnte und insbesondere von einem Kreis jugoslawischer Theoretiker Anregungen ausgingen, wurde der Impuls im Osten und speziell in der DDR gebrochen oder blieb subkutan: Der Beitrag von Martina Thom, ehemals Direktorin am Leipziger philosophischen Institut, gibt Einblick in die philosophisch-wissenschaftliche Arbeit und in theoretische Kontroversen11 in der ehemaligen DDR. Sie überrascht durch gründliche Klärungen zum Verhältnis von Feuerbach und Marx, zur Kristallisierung des Marxschen Praxisdenkens und zu den philosophisch-wissenschaftlichen Implikationen des Praxiskonzepts, zu dessen anthopologischer Dimension und seiner gesellschaftlich-geschichtlichen Erschließungskraft. Dabei kommt auch Ernst Blochs Hoffnungsphilosophie in den Blick und der parteioffiziell abgeschmetterte Versuch Helmut Seidels zur Sprache, Praxis als marxistische Zentralkategorie zu bestimmen.
Ich möchte bereits mit Blick auf die bisher genannten Beiträge unterstreichen, dass es nicht die Absicht der zurückliegenden PRAXIS-Tagung und der daran anschließenden, vorliegenden Veröffentlichung12 sein konnte und sollte, einen völligen Einklang der vertretenen Auffassungen herzustellen oder vorzuspiegeln. Die Autoren tragen dazu bei, das theoretische Feld des PRAXIS-Konzepts als solches in seiner Spannweite und mit seinen bestehenden Spannungslinien, überhaupt als paradigmatischen Ansatz13 kenntlicher zu machen, ein Stück weit nach je eigenem Schwerpunkt und Denken zu kultivieren und damit der notwendig weitergehenden Forschung und Diskussion die Vorgabe zu machen.
Entsprechendes Anregungspotential enthalten die Beiträge zu einer Erkenntnistheorie der Praxis. Georg Quaas holt den Sozialtheoretiker G.H. Mead und den unorthodoxen marxistischen Philosophen Peter Ruben in die Diskussion ein und verstärkt damit die Frage nach einer integralen Erkenntnistheorie der Praxis, die sowohl den Kriterien einer dialektisch-materialistischen wie den Anforderungen einer identitäts- und kommunikationstheoretischen Auffassung genügt. Die Einbeziehung Meads in diesen Zusammenhang hat den nicht unwesentlichen Nebeneffekt, dass damit die kommunikationstheoretisch verkürzte Vereinnahmung des amerikanischen Praxisdenkers durch Habermas, ein zentraler Stützpfeiler der dem Praxiskonzept widerstreitenden Theorie des kommunikativen Handelns, unterminiert wird.14
Es ist bei alldem klar, dass die vorliegenden Sondierungen das Tor zu weiterem, schwierigem Terrain einer Erkenntnistheorie des Begreifens der Praxis15 und der Geistphilosophie öffnen und damit insbesondere auch Fragen der dialektischen Logik und überhaupt Realdialektik neu aufwerfen. Die Aufgabe, die in der zeitgenössischen politischen Philosophie sträflich vernachlässigte Frage der Dialektik im Zusammenhang künftigen PRAXIS-Diskussionen wieder aufzugreifen, ist jedenfalls notiert.16
Im praxiszentrierten Ansatz stellt die Geschichtlichkeit der gesellschaftlichen Existenz und ihrer Gestaltbildungen einen kardinalen Aspekt dar. Helmut Fleischer, ein gründlichster Kenner im Themenkreis Marxismus und Geschichte17, bekräftigt in dem Beitrag Geschichtlichkeit und Geschichtsdenken seine Einwände gegenüber geschichtsmaterialistisch unvermittelten großen Erzählungen. Er dringt anhand einer Untersuchung über die Logik des Marxschen Geschichtsbegriffs in die Feinstruktur der Konstitutionsprozesse des Geschichtsdenkens ein, wobei insbesondere Fixierungen auf ein strukturgesetzliches oder kapitaltheoretisches Vorauswissen über vermeintlich unvermeidliche Geschichtsverläufe zurückgewiesen werden. Wie auch immer systemische Tendenzen und Handlungsdispositionen einen konkreten Wirkzusammenhang bilden mögen: In der Konsequenz des Vortrags ergeht an die heutigen gesellschafts-politischen Bewegungen die Anfrage, inwiefern über alle Protestation hinaus praktisch wirkliche Potentialitäten für erhoffte gesellschaftliche Entwicklungsschritte identifiziert werden können.
Nach den grundlegenden Beiträgen zu Entwicklungslinien des Praxisdenkens und zentralen Konstitutions- und Erkenntnisfragen folgen im zweiten Hauptteil drei Texte, welche direkt in die historische Situation an der Wende zum 21. Jahrhundert hineinführen.
Wolfdietrich Schmied-Kowarziks neun Thesen zu Marx als Denker im Zeitalter des Post-Kommunismus gehen auf einen Vortrag beim XXI. Weltkongress für Philosophie 2003 in Istanbul zurück. Die Ausleuchtung des Kerncharakters des Marxschen Denkens disqualifiziert per se sowohl das dumme und verdummende Geschäft der Marxtöterei wie auch in gängigen Interpretationen und Rekonstruktionen weiter transportierte Sinnentstellungen. Schmied-Kowarzik arbeitet auf philosophischer Reflexionsebene und in pointierenden Aussagen die Relevanz der kritischen Philosophie gesellschaftlicher Praxis für die post-kommunistische Zeit des beginnenden 21. Jahrhunderts, im Hinblick auf die weltweiten Krisenprobleme und für den politischen Widerstand unserer Zeit heraus.
Sozialmobilisationen und Krisenprospekte lautet der zweite Beitrag von Helmut Fleischer. Er setzt Marxsche und marxistische Geschichtsprojektionen in Beziehung zu Erfahrungen und Resultaten der Zivilisationsdynamik des 19. und 20. Jahrhunderts und gewinnt daraus eine Zurüstung an praxisanalytischen Begriffen und konzeptiven Modellierungen, die ein heute neu aufgegebenes, geschichtsmaterialistisch akzentuiertes Begreifen der gesellschaftlich-geschichtlichen Praxis unterstützen können. Das skeptische, die Linke herausfordernde Resümee lautet, dass die wirkliche unvollende-te Revolution nicht die, im klassischen Sinn, sozialistische ist, dass vielmehr die nächstliegende geschichtliche Perspektive im Möglichkeitsraum einer noch unvollendeten sozial-zivilisatorischen Entwicklung bürgerlicher Gesellschaftlichkeit18 liegt.
Am unmittelbarsten führt Pierre Bourdieus Neo-Liberalismus als konservative Restauration in die aktuelle Situation. Der Vortrag wurde in die vorliegende Textkomposition wieder aufgenommen, um philosophische und wissenschaftliche Konvergenzen des Praxisdenkens, hier speziell hinsichtlich Bourdieus Theorie der Praxis und Ernst Blochs Konzept konkreter Utopie, unverkennbar deutlich zu machen und zugleich ein in die aktuelle Situation einschlagendes Exempel für die praxiswissenschaftlich mögliche und geforderte Konkretheit19 zu geben. Dieser Text, ebenso eine Fülle anderweitiger Wortmeldungen des Bloch-Preisträgers, zeigt einen der affirmativen Soziologie entwachsenen, praxisphilosophisch reflektierten und engagierten Wissenschaftler, der gesellschaftliche Vorwärtsbewegungen inspirieren kann: Die bundesdeutsche Renommiersoziologie, eine Risikogesellschaft des kommunikativen Handelns, macht eine schwache Figur gegen diesen allzu früh verstorbenen Geist, der unmissverständlich forderte: Es ist höchste Zeit, die Voraussetzungen für den kollektiven Entwurf einer sozialen Utopie zu schaffen.20
Im Ausblick der dokumentierten Rede spricht Bourdieu von der Aufgabe, das Fundament für eine ganz neue Ökonomie des Glücks zu legen: Hier operiert freilich der Gesellschaftswissenschaftler als Nicht-Ökonom21 mit einer Generalformel, die so weitgreifend wie hoffnungsvoll unbestimmt ist. Bourdieus Gedanke leitet über zum dritten Hauptabschnitt, der dem seit den Marxschen Manuskripten von 1844 praxisphilosophisch und gesellschaftswissenschaftlich unauslasslichen Themenkreis der politischen Ökonomie gilt.
Diese politische Ökonomie handelt nicht von einem System22, sondern von einer Praxis, das heißt von einer basalen, widersprüchlichen Formierung gesellschaftlicher Arbeit und Aneignung, gesellschaftlicher Verhältnisse und damit konkret verbundener historischer Existenzweisen gesellschaftlicher Individuen. Dass die geschichtlichen Formierungen auch unterschiedliche Lösungen, Vergegenständlichungen und Formbildungen in ihrem Praxisvollzug, damit insbesondere auch funktionelle oder systemische Aspekte in der spezifischen Organisationsweise der gesellschaftlichen Arbeit aufweisen, spricht nicht gegen den Praxis-Ansatz, sondern vertieft und vervollständigt ihn: Die von Marx herrührenden fundamentalen Erkenntnisse in Fragen des ökonomischen Werts, seine Modellierungen der kapitalwirtschaftlichen Reproduktions- und Sozialordnung, die Analysen zu den Prekaritäten und Dysfunktionen eines von der Kapitalverwertung dominierten Wirtschaftslebens und wesentlicher, aus dem kapitalwirtschaftlich getriebenen Praxisvollzugszusammenhang erwachsender, bis heute durchschlagend manifestierter Grundtendenzen dieser entfremdeten geschichtlichen Gestalt des wirtschaftsgesellschaftlichen Lebens sind ein notwendiger Ausgangs- und Durchgangspunkt auch für die Behandlung der sich heute stellenden Zukunftsfragen der politischen Ökonomie als Wissenschaft und Wirklichkeit.
Die Autoren der dazu vorliegenden Beiträge stimmen, bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Herangehensweise, in einigen Grundgedanken überein: Die Konzeptualisierung einer nicht-kapitalistischen Ökonomik muss an die Marxsche Wert- und Kapitaltheorie als wirtschaftstheoretisch überlegene Vorleistung anknüpfen. Sie erfordert die wert- und prozessanalytisch abgeklärte Ausweisung einer alternativen Reproduktionsordnung mitsamt den damit verbundenen Grundformen der gesellschaftlich-politischen Selbstorganisation. Damit nicht genug, müssten stichhaltige Hinweise vorhanden sein, dass die notwendigen Produktivkräfte, subjektive Potentiale und objektive Formbestandteile, als Elemente einer höheren Stufe der Zivilisation, im Schoße der gegebenen Gesellschaft angelegt sind und aus ihrer Latenz so oder so entbunden werden könnten: Sonst sind, wie Marx wusste und die Wirtschaftsexperimente des zurückliegenden Jahrhunderts letzthin belegen, alle Überschreitungs- oder Sprengungsversuche Donquichoterie.23
Die bezeichneten geschichtsmaterialistischen Prüfsteine relativieren die heute aus vielen Quellen sprudelnden Wendezeit-Hoffnungen, die sich in einer Vielzahl unfundierter Alternativideen artikulieren. Sie bedeuten zugleich eine Art Pflichtenheft für ernsthaftere Forschungsbemühungen um eine alternative Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsordnung.24 Solche Bemühungen erfordern aber, sind sie nur konsequent, eine Überschreitung des Horizontes der traditionellen Kritik und eine utopistische Reorientierung der politischen Ökonomie, die durch das spezifisch praxistheoretische Gegenstands- und Methodenverständnis25 wesentlich unterstützt werden kann.
Aus diesem Verständnis sind auch Sozialwirtschaft als Systemalternative und Zur Neuordnung des theoretischen Feldes der politischen Ökonomie erwachsen. Horst Müller skizziert in letzterem Beitrag eine veränderte Sichtweise der historischen und theoretischen Entwicklung, welche dem neuen, sozialwirtschaftlichen Lösungsansatz zum Problems einer Alternativökonomie entspricht. Die strukturierte Darstellung bietet sowohl für unterstützende Argumente und die weitere Vertiefung des Konzepts als auch für die Auseinandersetzung mit kritischen Einwänden oder konträren Auffassungen geeignete Eingriffspunkte. Der thesenförmige Charakter des Vortrags ist durch den Umfang der hereinspielenden theoretischen und historischen Materie auferlegt und sollte, ebenso wie der unvermeidlich prototheoretische Forschungs- und Entwicklungsstand der Idee einer Sozialwirtschaft selbst, für die Diskussion von Vorteil sein:
Sozialwirtschaft als Systemalternative zielt auf die Konfigurierung eines neuartigen Reproduktionsmodells. Die transformationstheoretisch gewonnene sozialwirtschaftliche Reproduktionsordnung soll in einer neu ansetzenden wert- und reproduktionstheoretischen Betrachtung die Geheimnisse einer nichtkapitalistischen ökonomischen Logik und entsprechenden Wirtschaftsverfassung preisgeben. Die Kernauffassung besteht darin, dass sich im Zusammenspiel zwischen der industriewirtschaftlichen Warenproduktion und einer neu herausgebildeten Wirtschaftsabteilung sozialwirtschaftlicher Dienste26, vermittelt durch die ökonomischen Funktionen des modernen Sozialstaates, bereits neue ökonomische Verhältnisse als eine mehr oder weniger latente Realität konstituiert haben. In dieser Latenz einer noch nicht zur Sprache und zur vollen praktischen Geltung gebrachten, stummen Praxis wird die reale Grundlage für eine Politik der politisch-ökonomischen Transformation gesehen. Diese könnte sich der noch übergreifendenden und übermächtigen, neoliberal eskalierenden kapitalwirtschaftlichen Praxis entgegenstellen und auf die mögliche Entbindung der bereits angelegten neuen Wirtschaftsweise orientieren.
Die Schnittmenge zwischen dem Konzept der Sozialwirtschaft und dem Beitrag von Wolfgang Hoss, Werttheoretische Überlegungen im gesamtgesellschaftlichen Gesamtzusammenhang, liegt in der Auffassung, dass das in den modernen Gesellschaften gewaltig gewachsene Volumen sozialwirtschaftlicher Arbeit und die Rolle des modernen Staates im Wirtschaftsprozess durch die Marxschen Reproduktionsschemata nicht mehr abgedeckt werden und eine neue Modellierung des gesamtgesellschaftlichen Reproduktionszusammenhanges unvermeidlich ist. Wolfgang Hoss, Autodidakt und Außenseiter, unternimmt den Versuch zur werttheoretisch-mathematischen Konzeptualisierung eines entsprechenden Szenarios und möchte dabei zugleich einer für notwendig erachteten und möglich erscheinenden Aufhebung des Profitprinzips auf die Spur kommen. Die Vorstellung des Hossschen Gedankenexperiments unterstreicht sowohl die Notwendigkeit als auch den experimentellen Charakter solcher Modellierungen und gibt einen Ansatzpunkt und Anstoß, es auf diesem Weg weiter zu versuchen.
Auf andere Art und sozusagen auch von der anderen Seite nähert sich Georg Quaas der politisch-ökonomischen Prozesswirklichkeit: Wertrechnung und Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung dringt vor zu dem ohne Weiteres keineswegs offenbaren, verwickelten Zusammenhang zwischen den empirisch-statistisch gesättigten Kategorien der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, welche das moderne Wirtschaftsleben auf eine spezifische Weise abbilden, und den Grundbegriffen der Marxschen Wert-, Kapital- und Reproduktionstheorie.27 Im schlüssigen Aufweis grundlegender Begrifflichkeiten und Zusammenhänge werden auch noch offenstehende Problembestände der Werttheorie28 notiert. Insbesondere wird, was Marx nicht mehr geschafft hat, der Staat in die Matrix der volkswirtschaftlichen Zusammenhänge einbezogen.
Die Darlegungen von Georg Quaas bringen nicht nur mehr Licht in das Halbdunkel des wirklichen Wirtschaftsgeschehens, das regelmäßig noch über die Köpfe der ausgesuchtesten Weisen der Kapitalwirtschaft hinweggeht, sondern formulieren Ansatzpunkte für und Ansprüche an eine Forschung, die sich weitergehend auch auf die Terra Inkognita einer Wirtschaft der Zukunft vorwagt. Diesbezüglich liegt allen hier vertretenen Autoren die Vorstellung fern, es könnte etwa das Konzept einer alternativen Wirtschaftsverfassung quasi in einem Zug berechnend in die Welt gesetzt werden. Andererseits ist es naiv zu erwarten, dass sich als quasi natürlicher intellektueller Niederschlag aus einer fragend voranschreitenden Bewegung29 kondensiert, was Gegenstand ernsthaftester und gründlichster Forschung auf einem seit weit über 100 Jahren äußerst umstrittenen und stets feindselig umkämpften Terrain ist.
Ein Abschluss-Wort von Karl Marx in diesen Angelegenheiten lautet: Ich habe gesprochen und meine Seele gerettet.30 Das war schön gesagt, aber voreilig gedacht. Der geniale Praxisdenker kann erst als erlöst gelten, wenn für das eigentliche von ihm hinterlassene, uns unausweichlich bedrängende Problem theoretisch wenigstens im Ansatz die Antwort gefunden ist und damit begonnen wird, dem begriffenen Novum einer postkapitalistischen Wirtschaftsverfassung und Gesellschaftsformierung zur praktischen Geltung zu verhelfen.
Ein Vorschein dieser futurischen Angelegenheit deutete sich schon in der frühen Marxschen Bemerkung an, dass es auf eine Selbstverständigung nicht nur über die Kämpfe der Zeit, sondern auch über deren Wünsche ankomme.31 Die nachstehenden Texte können zu solcher unverkürzter, aufs Ganze gehenden Verständigung einen Beitrag leisten. Es wird versucht, die unausgeschöpfte Potentialität des Praxis-Konzepts sichtbarer zu machen und dadurch inspirierte Analysen und Konzepte zur Diskussion zu stellen, die auch neue, ungewöhnliche Gedankenrichtungen erkennen lassen. Ich danke allen, deren Beiträge und Unterstützung zu diesem Projekt beigetragen haben und wünsche, dass es auf Interesse und Resonanz bei jenen stößt, die es angeht.
Horst Müller, im September 2005
Anmerkungen
1 Die neue Linkspartei propagiert eine wirtschaftspolitische Wende. Attac-Organisationen bereiten die Gründung eines Konvents der ATTACs Europas vor und haben einen Plan ABC zur demokratischen Neugründung der Union vorgelegt. Das bei Attac Deutschland kollektiv erarbeitete Positionspapier für eine Alternative Weltwirtschafts-Ordnung (AWWO-Papier), stellt auch bereits verschiedene Grundansätze für eine entsprechende Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zur Diskussion.
2 Vgl. Immanuel Wallerstein: Utopistik. ProMedia Verlag, Wien 2002, S. 80 u. 91. Bezeichnenderweise stand der spärlichen Rezeption und Diskussion dieses Buches, das in fundierter Zusammenschau Historische Alternativen des 21. Jahrhunderts" sondiert, ein unverhältnismäßiger linker Diskurs über das Empire", den Hype von Michael Hardt und Antonio Negri gegenüber. Voluntaristisches Bedienen aus dem Theoriefundus sozialer Bewegungen der letzten 30 Jahre" bescheinigte ein Rezensent den beiden Autoren.
3 Christian Zeller kurz und treffend: Ein emanzipatorischer Gegenentwurf zum neoliberal entfesselten Kapitalismus und zum sozialliberal-grünen Begleitprogramm fehlt. Die Wiederauflage eines keynesianischen Wohlfahrtsstaates ist ebenso unrealistisch wie jede Bezugnahme auf eine bürokratische Kommandowirtschaft unglaubwürdig ist. Ders.: Die globale Enteignungsökonomie. Münster 2004, S. 299.
4 In der ersten Voranzeige des für November 2005 annoncierten linken Theorieereignisses Kapitalismus reloaded wurde noch die Frage gestellt Wofür kämpfen wir eigentlich?. In der Endplanung des Ringens um Konzepte wie Imperialismus, Empire, Hegemonie und Neoliberalismus war für die Selbstverständigung über das Wofür oder Wohin überhaupt kein Programmplatz mehr vorgesehen.
5 Der Begriff utopistisch verdankt sich einer Anregung durch Immanuel Wallerstein: Utopistik. Historische Alternativen des 21. Jahrhunderts. ProMedia Verlag, Wien 2002, S. 8 ff. Der Begriff wird von mir aber nicht von Max Weber her verstanden, sondern von Karl Marx und Ernst Bloch, dem Denker der konkreten Utopie. Er wird darüber hinaus praxistheoretisch präzisiert.
6 Wenigstens zwei kleine Beiträge aus neuerer Zeit sollen genannt werden, die in die Problematik einführen können: Siegfried Wenzel: Erfahrungen aus dem ersten Sozialismusversuch in Europa. S. 1021-1037 in: UTOPIE kreativ. Diskussion sozialistischer Alternativen. Heft 133, November 2001. Joachim Bischoff und Hans-Georg Draheim: Sozialismus im 21. Jahrhundert. Zur politischen Ökonomie einer nichtkapitalistischen Gesellschaft. Supplement der Zeitschrift Sozialismus 1/2003.
7 Selbst hier ist der Klärungsbedarf nicht unerheblich. Siehe dazu Horst Müller: Theoretische Wurzeln und Arbeitsaufgaben des Praxiskonzepts. S. 141-164 in: Volker Caysa / Helmut Seidel / Dieter Wittich (Hrsg.): Zum philosophischen Praxis-Begriff. Die zweite Praxis-Diskussion in der DDR. Texte zur Philosophie Heft 12, Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen 2002.
8 Zur Idee einer Philosophie der Praxis" siehe auch W.F. Haugs Einleitung zu Antonio Gramsci Gefängnishefte, Bd. 6 Philosophie der Praxis. Hamburg 1994. Ders.: Philosophieren mit Brecht und Gramsci, Hamburg 1996, S. 31 ff. In eine theoretischen Debatte, die sich von Antonio Labriolas Idee inspirieren lässt, auf dem Marxismus eine Philosophie der Praxis zu errichten", müssen allerdings weit mehr theoretische Ressourcen einbezogen werden, u.a. die frühen Schriften von Herbert Marcuse über konkrete Philosophie und den Historischen Materialismus, die konstitutionstheoretisch-erkenntnistheoretischen Aspekte der Philosophie Ernst Blochs oder auch die Gedanken zur Metaphilosophie, Kritik des Alltagslebens und Revolution der Städte des bedeutenden französischen Praxisdenkers Henri Lefebvre.
9 Hellhörig gewordene Soziologen konstatieren in neuerer Zeit, wesentlich mit Bezug auf Pierre Bourdieu, die Existenz einer von ihnen entschärften Praxistheorie. Dazu kann mit Bourdieu darauf verwiesen werden, dass ein großer Teil dessen, was heutzutage unter dem Namen der Soziologie
firmiert, nicht viel mehr ist als ein System von schicklichen Weisen, die natürliche wie soziale Welt zu denken und in Worte zu fassen. Zum akademischen Habitus gehört dabei insbesondere, von der Möglichkeit und Wirklichkeit der objektiven Krise abzulenken, die das Angepaßtsein der subjektiven an die objektiven Strukturen immer wieder aufbricht und die gesellschaftlichen Evidenzen, wie wohl auch die einer affirmativen Wissenschaft, regelmäßig zerstört. Vgl. Pierre Bourdieu, Entwurf einer Theorie der Praxis, S. 331-334.
10 Michael Grauer und Wolfdietrich Schmied-Kowarzik: Grundlinien und Perspektiven einer Philosophie der Praxis. Kasseler Philosophische Schriften 7, Kassel 1982. Im Vorwort der Veröffentlichung zur vorläufig letzten Kasseler Tagung wird auf eine Reihe weiterer Theorieereignisse und Quellen hingewiesen: Heinz Eidam und Wolfdietrich Schmied-Kowarzik: Kritische Philosophie gesellschaftlicher Praxis. Auseinandersetzungen mit der Marxschen Theorie nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus. Würzburg 1995.
11 Siehe dazu: Helmut Seidel: Vom praktischen und theoretischen Verhältnis der Menschen zur Wirklichkeit, S. 1177-1191 in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 10/1966. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin (DDR). In neuerer Zeit: Caysa, Volker / Seidel, Helmut / Wittich, Dieter (Hrsg.): Zum philosophischen Praxis-Begriff. Die zweite Praxis-Diskussion in der DDR. Texte zur Philosophie, im Auftrag der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen e.V., Leipzig 2002.
12 Die PRAXIS-Tagung fand auf Einladung der Initiative für Praxisphilosophie und konkrete Wissenschaft im Februar 2004 in Nürnberg statt. Die Textkomposition der vorliegenden Publikation umfasst Vorträge und ergänzende Beiträge bzw. Quellen.
13 Das PRAXIS-Konzept, genauer: Die Philosophie und Wissenschaft gesellschaftlicher Praxis, wie sie hier verstanden wird, markiert eine definite Position im Spektrum der modernen philosophisch-wissenschaftlichen Strömungen, die eine paradigmatische Struktur aufweisen. Die Selbstverständigung darüber und eine Verstärkung der gesellschaftlichen Resonanzen verlaufen nach Auffassung des Herausgebers über die weitergehende sowohl wissenschaftstheoretische wie sozialanalytische Konkretion der Philosophie der Praxis oder kurz Praxisphilosophie.
14 Eine neuere, ergänzende Bloßstellung der unzureichenden Denkgrundlagen von Habermas findet sich bei Dieter Wolf im Zusammenhang des Abschnitts Kritische Theorie und Kritik der politischen Ökonomie. Vgl. S. 124-126 bei Dieter Wolf / Hein Paragenings: Zur Konfusion des Wertbegriffs. Beiträge zur Kapital-Diskussion, Hamburg 2004.
15 Das praxiszentrierte Konzept hat sich in vormaligen Konfrontationen mit den Widerspiegelungstheoretikern bereits als überlegener Grundansatz gezeigt. Vgl. Mihailo Markovic: Praxis als Grundkategorie der Erkenntnistheorie, S. 17-41 in: Markovic Mihailo, Dialektik der Praxis. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 1968. Die heute angemessene, umfassendere konstitutionstheoretische Sichtweise und die Einbeziehung erkenntnistheoretischer Beiträge etwa Ernst Blochs, wesentlich G.H. Meads oder auch Pierre Bourdieus hat für die weitere Diskussion eine neue Ausganglage geschaffen.
16 Eine Theoriearbeit über Streitfragen materialistischer Dialektik, wie sie sich in den 70er-Jahren in mannigfaltigen Publikationen, u.a. 1973-1975 in fünf Folgen von Argument-Heften ab Nr. 81 niederschlug, hat es seither wohl nie mehr gegeben. Noch 1983 konnte im Rahmen einer Schriftenreihe zu Fragen der materialistischen Dialektik, herausgegeben von Heinz Kimmerle, ein Titel wie Dialektik heute ansprechen. Soweit ich sehe, hat es seit den 90er-Jahren keinen Knotenpunkt in der Dialektikdiskussion mehr gegeben, der eine entsprechende Resonanz gefunden hätte oder über schon Gesagtes hinausführte. Sehr vereinzelt finden sich noch Lehrangebote wie jenes über Dialektisches Denken von Kant zu Hegel und Marx, 2004 an der Universtität Greifswald, das auf eine Marxsche geschichtsdialektische Praxisphilosophie Bezug nahm. Die konstitutionstheoretisch-epistemologischen Implikationen des Praxis-Konzepts setzen das Thema einer dialektischen, widersprüchlichen Konstitution gesellschaftlicher Wirklichkeit - über Arbeits-theoretische oder Kapital-logische Ansätze hinaus - auf die Tagesordnung und lassen auch wieder an Hegels Logik anknüpfen.
17 Vgl. Fleischer, Helmut: Marxismus und Geschichte, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1969. Mehrere Auflagen in Folge, auch international in verschiedenen Sprachen. Weitere Quellenhinweise im Zusammenhang der vorliegenden Beiträge.
18 Das beinhaltet ein Verständnis von bürgerlicher Gesellschaft", das diese nicht auf eine Bourgeoisgesellschaft", auf den Kapitalismus" usw. reduziert und auf diese Weise von vornherein jede politisch-ökonomische Entwicklungsmöglichkeit noch innerhalb eines Horizontes bürgerlicher" Vergemeinschaftung verneint. Zur Klärung der Begrifflichkeit trägt bei: Civil Society oder Bürgerliche Gesellschaft von Reinhard Markner, auf seiner Homepage, sowie im Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus, Bd. 2, Hamburg 1995, S. 380-394.
19 Dazu Herbert Marcuse: Über konkrete Philosophie (1928). In: Schriften Bd. 1, S. 385 ff. Ebd. S. 399: Die Richtlinien des Handelns, in denen konkrete Philosophie gipfelt, werden .. niemals abstrakte Normen, leere Imperative darstellen. Sie werden aus den Notwendigkeiten des konkreten Existierens in seiner geschichtlichen Situation geschöpft sein müssen und jeweils keine abstrakte Allgemeinheit, sondern ein konkretes existierendes Subjekt angehen.
20 Im Vorwort zu Pierre Bourdieu: Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste des Widerstands gegen die neoliberale Invasion. UVK Universitätsverlag, Konstanz 1998.
21 Vgl. Pierre Bourdieu, Gegenfeuer, S. 76: Die Idee einer Ökonomie, die auf menschlicher Initiative und menschlichem Willen basiert, und die in ihren Berechnungen die Kosten des Leidens und die Gewinne aus Erfüllung und Selbstverwirklichung berücksichtigt ist natürlich kein Projekt, mit dem man gegen die Ökonomie des Neoliberalismus wirklich ins Feld ziehen kann.
22 Die Kritik richtet sich gegen die Kategorie System" als aufgeladenes und in den Vordergrund gespieltes Theorie-Konstrukt, wie dies etwa bei Luhmanns Auffassung von Wirtschaft" als autopoietisches System" oder bei Habermas unseliger Dichotomie von System" und Lebenswelt" der Fall ist: Es handelt sich hier um konstitutionstheoretisch defizitäre Konzeptualisierungen gesellschaftlicher Wirklichkeit.
23 Vgl. Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. Rohentwurf. Berlin 1974, S. 77.
24 Eine alternative Wirtschaftspolitik, die diesen Namen verdient, sollte bereits die Keime und die weitergehende Perspektive einer alternativen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung beinhalten. Auf den ersten Blick trifft dies jedenfalls für die Konzepte nicht zu, die etwa der realwirtschaftliche Keynesianer" Karl Georg Zinn, besonders prononciert seit vielen Jahren die AG Alternative Wirtschaftspolitik" oder Herbert Schui als einer der Vordenker der neuen Linkspartei" vorschlagen: Wer das Steuer in der Wirtschaftspolitik um 180 Grad herumreißt, bewegt sich immer noch auf der gleichen Straße. Oder erwachsen in dieser theoretisch-politischen Bewegungsrichtung, im weiteren Fortgang, doch Transformationspotentiale? Siehe u.a. Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik: Memorandum 2005. Sozialstaat statt Konzerngesellschaft, Köln 2005.
25 Die Wissenschaft der politischen Ökonomie ist so gesehen Praxisanalyse, folgt bewusster gemachten Modalitäten eines Begreifens der Praxis und bezieht sich auf eine Wirklichkeit, die als widerprüchliche gesellschaftliche Praxis, als eine Organisation von Praxisperspektiven konstituiert ist. Diese ist letztlich nur in der Bewegung des geschichtlich stets ingang befindlichen Praxisformwechsels - wie es so schön heißt im Flusse der Bewegung, also utopistisch - zu fassen. Dabei kommt für die Untersuchung der Formbildungen und wirtschaftsgeschichtlichen Übergangsprozesse reproduktionstheoretischen und szenischen Modellierungen eine besondere Erschließungskraft zu. Die von da notwendige Untersuchung der Selbstreflexionen und Konzeptualisierungen im Zusammenhang der Forschungsarbeit sowie Darstellungsweise des Kapitals", also zur Methodologie der Kritik der politischen Ökonomie", muss an anderer Stelle stattfinden. Siehe Karl Marx in wesentlichen Partien der Theorien über den Mehrwert, MEW 26.1, 26.2 und 26.3, insbesondere zu Quesnay MEW 26.1, S. 318 f. Ferner die Einleitung, in: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Berlin 1974, S. 3-31.
26 Die Kategorie sozialwirtschaftliche Dienste" bringt Elemente auf einen neuen Begriff, die sonst auch im Zusammenhang von Theorien des Dritten Sektors", eines Öffentlichen Beschäftigungssektors", einer Sozialökonomie" oder der Zivilgesellschaft" überwiegend empirisch und unscharf thematisiert werden.
27 Die thematisch verwandte Veröffentlichung von Eva Müller: Marxsche Reproduktionstheorie. Kritik der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Hamburg 2005 erschien zeitgleich mit der Fertigstellung der Manuskripte zur PRAXIS-Publikation.
28 Als Bezugspunkt neuerer, anhaltend kontroverser Diskussionen auf dem ansonsten äußerst umfänglichen Feld der Marxschen Wert- und Kapitaltheorie gilt Michael Heinrich: Die Wissenschaft vom Wert. 2. überarbeitete Auflage, Münster 1999. Schon hingewiesen wurde auf den Beitrag von Dieter Wolf / Hein Paragenings: Zur Konfusion des Wertbegriffs, Hamburg 2004. In der Reihe Beiträge zur Kapital"- Diskussion des Berliner Vereins zur Förderung der MEGA-Edition e.V. Dieter Wolf trägt insbesondere auch eine Kritik zu den ansonsten noch prominenten Wertinterpretationen von Helmut Reichelt und Hans-Georg-Backhaus vor.
29 Die Dialektik von Theorie und Praxis ist eine zu komplizierte Angelegenheit, als dass man sie auf die unvorsichtige Formel bringen sollte, dass die Konstruktion eines Alternativprojekts nur als gesellschaftlicher Prozess, als Bewegungspraxis möglich ist". Oder wie könnte eine Bewegungspraxis, als politische Initiative höchst anspruchsvoll ausgerichtet als Kampf um Hegemonie", gelingen ohne einen erzrealistisch in objektive Basisprozesse gesetzten Anker, das heißt heute ohne Orientierung auf ein hinreichend konkretes, in den materiell bedingten Praxen und gesellschaftlichen Verhältnissen praktisch-objektiv fundiertes, vereinigendes gesellschaftliches Projekt? Die Frage lautet in der Tat: Quo vadis, Globalisierungskritik?" Vgl. iz3w blätter des informationszentrums 3. Welt, Nr. 261. Dazu neuerdings Ulrich Brand: Gegen-Hegemonie Perspektiven globalisierungskritischer Strategien. Hamburg 2005.- Und wenn schon, von verschiedenen Seiten, Antonio Gramsci für die strategische Orientierung in der eröffneten historischen Periode in Anspruch genommen wird, sollte vielleicht erinnert werden: Politische Praxis ist .. nicht die 'primäre Realität .. für Gramsci. Er weist gerade darauf hin, wie verhängnisvoll es ist, statt der 'objektiven und unparteiischen Analyse der Struktur die Basis muss in 'ultrarealistischer Weise, mit den 'Methoden der exakten Wissenschaften erforscht werden 'die eigenen Wünsche und schlechten, unmittelbaren Leidenschaften zur Grundlage politischen Handelns zu machen." Zitiert nach Annegret Kramer: Gramscis Interpretation des Marxismus. In: Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen Theorie 4. Frankfurt am Main 1975. S. 65-118.
30 "Dixi et salvavi animam meam", in: MEW Bd. 19, S. 32.
31 Vgl. Brief Marx an Ruge 1843 in: MEW Bd. 1, S. 346
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